„Nach jeder Sprechstunde gehe ich erfüllt nach Hause“

Gabi Waibel war von 1999 bis 2004 Entwicklungshelferin in Ghana. Heute engagiert sie sich bei MediNetz Bonn. Der Verein bietet Flüchtlingen, die ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland leben, kostenlose medizinische Versorgung.
 

Klingel des MediNetz Bonn

Jeden Montag um 17.30 Uhr öffnet der Verein MediNetz Bonn seine Sprechstunde. Langsam füllt sich dann das Wartezimmer in der Bonner Altstadt: mit schwangeren Frauen, Eltern mit ihren Kindern und anderen Menschen, die eine ärztliche Versorgung benötigen. Sie alle sind Flüchtlinge – und haben keinen legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland.
 

Mehr als 4.000 Menschen ohne Papiere leben im Großraum Bonn, in ganz Deutschland sind es geschätzt eine Million. Aus Angst, entdeckt zu werden, gehen die meisten Flüchtlinge nicht zum Arzt. Sie haben keine Krankenversicherung und oft nicht genug Geld, um die Behandlung aus eigener Tasche zu zahlen. Chronische und zu spät erkannte Erkrankungen sind die Folge. Auch der Stress nagt an ihnen: An jeder Ecke droht die Abschiebung, nicht selten haben sie schreckliche Dinge erlebt und sind in ständiger Sorge um ihre daheimgebliebenen Familien und Freunde.
 

Der Verein MediNetz Bonn hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Menschen zu helfen. In den Sprechstunden erfassen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Beschwerden der Patienten und vermitteln sie dann an Fachärzte und Heilpraktiker, die sie kostenfrei und anonym behandeln. Da Ärzte in jedem Fall medizinische Hilfe leisten müssen und außerdem an die Schweigepflicht gebunden sind, machen sie sich nicht strafbar, wenn sie „Illegalisierte“ behandeln und die Daten nicht an deutsche Behörden weitergeben.

Der Verein MediNetz Bonn hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Menschen zu helfen. In den Sprechstunden erfassen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Beschwerden der Patienten und vermitteln sie dann an Fachärzte und Heilpraktiker, die sie kostenfrei und anonym behandeln. Da Ärzte in jedem Fall medizinische Hilfe leisten müssen und außerdem an die Schweigepflicht gebunden sind, machen sie sich nicht strafbar, wenn sie „Illegalisierte“ behandeln und die Daten nicht an deutsche Behörden weitergeben.
 

Das Team von MediNetz Bonn
Gabi Waibel (2. von rechts) und das Team von MediNetz Bonn.

Seit 2010 bin ich bei MediNetz Bonn aktiv. Durch einen Vortrag von MediNetz-Gründerin Sigrid Becker-Wirth wurde ich erstmals auf den Verein aufmerksam. Ich hatte mich schon viel mit den globalen Zusammenhängen von Armut, Migration, Flucht und der europäischen Einwanderungspolitik beschäftigt und war schnell davon überzeugt, dass der Ansatz von MediNetz genau der richtige ist: Flüchtlingen in Not helfen – ohne zu fragen, ob sie eine Aufenthaltsgenehmigung haben oder warum sie hier sind. Die Erfahrungen, die ich als Entwicklungshelferin in Ghana gemacht habe, vor allem auch die Auseinandersetzung mit den Themen Armut und Migration sowie meine Sprachkenntnisse, helfen mir bei meiner Arbeit im Verein ungemein.
 

Pionierarbeit in Bonn
 

MediNetz Bonn wurde 2003 gegründet. Der Verein versteht sich als lokale, politische Menschenrechtsinitiative und leistet in Bonn Pionierarbeit. Inzwischen engagieren sich rund 80 Ärzte und Heilpraktiker in unserem Netzwerk. Drei auf Asylrecht spezialisierte Anwälte beraten uns und unsere Patienten, bei Bedarf können wir auf die Dienste von Übersetzern zurückgreifen. Darüber hinaus kooperiert MediNetz mit anderen Flüchtlingsberatungsstellen und sozialen Einrichtungen in der Stadt, zum Beispiel mit dem Roten Kreuz und der Diakonie. Die gesamte Arbeit finanziert sich über Spenden. Das Sprechstundenzimmer und die Büroausstattung stellt uns der Verein „Informationsstelle Lateinamerika“ kostenlos zur Verfügung.
 

Info-Stand MediNetz
Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig, denn der Verein finanziert sich über Spenden.

MediNetz Bonn hat derzeit 16 Mitglieder, das aktive Team ist etwa halb so groß. Wir arbeiten ausschließlich ehrenamtlich. Außer einigen Medizinstudenten sind alle berufstätig, viele von uns arbeiten in Branchen, die mit Medizin nur wenig zu tun haben. Neben der Arbeit in der Sprechstunde treffen wir uns einmal im Monat. Dann besprechen wir alle wichtigen Anliegen und verteilen die anstehenden Aufgaben. Besonders wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit, die aus der Spendenwerbung und der politischen Arbeit besteht. Bei den vielfältigen Aufgaben kann ich selbst auch noch eine Menge lernen.
 

Unsere Motivation ist eine gesellschaftspolitische: Wir möchten die Menschen unterstützen, die am Rand der Gesellschaft stehen – und doch mitten unter uns leben. Zudem arbeiten wir auf das Ziel hin, uns eines Tages überflüssig zu machen. So engagieren wir uns gemeinsam mit anderen medizinischen Flüchtlingsberatungsstellen in Deutschland für die Einführung des anonymen Krankenscheins.
  

Ausstellungsbanner von MediNetz

Hilfe,die ankommt
 

Die fehlende medizinische Versorgung der Flüchtlinge kann dramatische Folgen haben. So hatten wir schon mehrere Fälle von Krebs in fortgeschrittenem Stadium, da die Krankheit viel zu spät entdeckt wurde. Einem afrikanischen Flüchtling fehlten fast alle Zähne – aus Geldnot hatte er sich die schmerzenden Zähne ziehen lassen. Nun konnte er nicht mehr richtig kauen und essen und brauchte dringend eine Prothese. Ein Zahnarzt und ein Zahntechniker aus unserem Netzwerk haben auf ihr Honorar verzichtet, MediNetz finanzierte die Materialkosten.
  

Genauso wichtig wie die medizinische Versorgung und Notfallhilfe ist es, den Flüchtlingen Vorsorgeuntersuchungen zu vermitteln, zum Beispiel Impftermine für die Kinder und die Betreuung von Schwangerschaften und Geburten. Viele unserer Patienten kommen wieder, wenn sie eine Operation überstanden haben, oder zeigen uns stolz ihre neugeborenen Babys.
  

Postkarte "Kein Mensch ist illegal"
(Foto: Yushu Zopf)

Mein Engagement bei MediNetz Bonn ist vielseitig, hält sich aber zeitlich so im Rahmen, dass ich es neben Beruf und Familie gut bewältigen kann. Ich finde es sinnvoll, mich direkt hier vor Ort entwicklungspolitisch zu engagieren und lerne darüber hinaus Bonn auch noch mal aus einer ganz anderen Perspektive kennen. Nach jeder Sprechstunde gehe ich erfüllt nach Hause. Und ich merke immer wieder, dass es besonders im Alltag einer europäischen Wohlstandsgesellschaft wichtig ist, sich mit Armut und Unrecht aktiv auseinanderzusetzen, politisch zu sein und – soweit möglich – einen kleinen Beitrag in der Menschenrechtsarbeit zu leisten.
  

Gabi Waibel

Soziologin, seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn

(gekürzter und ergänzter Artikel aus der „nah dran“ 2/2013)
  

Weitere Informationen:

www.medinetz-bonn.de
  

Bundesweit gibt es mehr als 30 medizinische Beratungsstellen für Flüchtlinge ohne Papiere: www.medibueros.org
  

Vollständiger Artikel von Gabi Waibel in der „nah dran“ als PDF:

www.giz.de/de/downloads/nahdran02_Krank_und_ohne_Papiere.pdf
  

Fotonachweis: Alle Fotos sofern nicht anders angegeben von MediNetz Bonn.